Herausforderungen der Zeitpolitik an Städte und Gemeinden

Die Politik ist von den Auswirkungen der neuen flexiblen Zeitstrukturen ihrer Bewohner unmittelbar betroffen. Es geht dabei nicht nur um verkaufsoffene Sonntage, sondern um gesellschaftliche Veränderungen und erforderliche Planungskonzeptionen.

Herausforderungen der Zeitpolitik an Städte und GemeindenViele Menschen freuen sich über das Angebot der Städte, den Geschäften die Möglichkeit zu geben, ihre Türen an einigen Sonntagen im Jahr zu öffnen. Verkaufsoffene Sonntage sind äußerst beliebt bei den Kunden und die Händler machen gute Umsätze. Die “heilige“ Zeitinstitution Sonntag wird somit allerdings dekonstruiert. Dies zieht auch Faktoren mit sich, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind. Sonntagsarbeit kann man dabei nicht isoliert betrachten, sondern nur vor dem Hintergrund der gesamten Veränderung der Arbeitswelt. Stichpunkte sind Flexibilisierung der Arbeits- & Betriebszeiten und der Arbeitsverhältnisse, die zunehmende Komplexität sozialer Synchronisation und die Veränderung gesellschaftlicher Rhythmen. Der zyklische Verlauf städtischer Aktivitäten wird durch eine Linearität unaufhörlicher Aktivitäten überformt, die Nacht wird zum Tage gemacht, die Stadt zur Nonstop-Gesellschaft.

Die entwickelten Gesellschaften befinden sich dabei in einem Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Symptome dieser sind der schrumpfende Anteil der Beschäftigten in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen, während der Anteil abweichender Arbeitsverhältnisse (Nacht-, Schicht-, Wochenend- und regelmäßiger Mehrarbeit) von Jahr zu Jahr steigt und sich auf andere Wirtschaftsbereiche ausweitet. Ebenso wächst der Anteil geringfügiger und prekärer Beschäftigungsverhältnisse, der Leiharbeit und befristeter Arbeitsverträge. Die Erhöhung der Komplexität dieser betrieblichen Abstimmungsleistungen erhöht natürlich auch die Komplexität privater Synchronisation und verändert so die Rhythmen einer Stadt. Beispiele für die Rhythmen einer Stadt sind etwa der Verkehr, der in erster Linie durch den Berufsverkehr geprägt wird oder eben das Angebot der Öffnungszeiten, seien es Geschäfte oder Kinderhorte.

Durch die Folgen der Auflösung bestehender Zeitordnungen (Tradition) zugunsten moderner (flexible Arbeitszeiten) muss alltägliche Zeit verstärkt aktiv gestaltet und dabei von den Bewohnern einer Stadt letztlich eine je eigene Zeitordnung entwickelt werden. Was auf den ersten Blick als Chance zu einer erhöhten Zeitsouveränität erscheint, ist primär eine drastisch steigende Anforderung an ein eigenes aktives Zeithandeln. Eine solche Eigenzeit ist jedoch nur bedingt als Luxus einer persönlichen Zeitsouveränität zu begreifen, obgleich sie Elemente davon haben kann. Primär ist sie ein tiefgreifender Zwang zur kontinuierlichen, instrumentellen zeitlichen Strukturierung und Organisierung des Lebens. Auf der anderen Seite stehen immer mehr unflexible und vorgegebene Zeiten, die das Individuum in seiner Zeitplanung unterbringen muss. Dabei sind entstehende Zeitkonflikten, wie Stress oder Warterei, praktisch nicht zu vermeiden. Hier ergeben sich Herausforderungen an die Politik, Städte und Kommunen, die gelöst werden müssen. Diese sollen nun dargestellt und genauer beleuchtet werden.

Zeitpolitik wird zum kommunalen Handlungsfeld

Die Städte sind von den Auswirkungen dieser neuen Zeitstrukturen unmittelbar betroffen; sie müssen die Veränderungen erkennen und sich mit Planungskonzeptionen und Instrumenteinsatz auf die veränderten Bedingungen einstellen. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass hier künftig stärker in Kategorien eines zeitpolitischen Ansatzes gedacht und gehandelt werden muss. Ein funktionierendes Zusammenleben in großen Städten funktioniert nämlich nur, wenn zum einen große Freiheitsgrade an der eigenen Zeitgestaltung bestehen, zugleich jedoch ein gesellschaftlicher Grundrhythmus besteht bzw. das Netz unterschiedlicher Zeitstrukturen und -rhythmen aufeinander abgestimmt ist.

Eine ausgewogene zeitliche Organisation der Stadt und ihrer Dienste bedeutet dabei für den Einzelnen, dass das Verhältnis zwischen “gebundener Zeit“ (Zeit für berufliche Tätigkeit und für Familienarbeit) und frei verfügbarer Zeit verbessert werden kann und die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten zunehmen. Nachdem die Hauptlast des enormen zeitlichen Koordinationsaufwandes in einer Familie (Abstimmung zwischen Arbeitszeiten, Besorgungen, Einkauf, Kinderbetreuung, Behördengänge) immer noch zum größten Teil auf den Familien selbst lastet, muss diese Art der Zeitplanung besonders ihnen zugute kommen.

Kommunale Zeitpolitik muss daher

  • die Rhythmen, Zyklen und Eigenzeiten von Individuen und Familien berücksichtigen;
  • die Koordination von Zeiten zwischen verschiedenen Taktgebern, zwischen Taktgebern und Taktnehmern sowie verschiedenen Taktnehmern in Konfliktbereichen behandeln.

Anforderungen an kommunale Zeitplanung

Gerade die Debatten um Ladenöffnungszeiten und speziell den Verkaufsoffenen Sonntag haben offen gelegt, dass sich die zeitlichen Angebote nach den Interessen und Bedürfnissen derer richten müssen, die in der Stadt oder Region leben oder sich zeitweise aufhalten. Eine Harmonisierung der urbanen Rhythmen, eine Abstimmung auf die Bedürfnisse der Stadtmenschen ist erforderlich und durch neue nahräumliche betriebs-, dienststellen- und branchenübergreifende Institutionen und Verfahren möglich, an denen Bürger und Arbeitnehmer, Verbände, Wirtschaft und Verwaltung beteiligt sind.

Die dort ausgehandelten neuen Zeitordnungen zielen weitergehend auf ein gutes Gemeinwesen ab, das die Bürger, ihren Zeitwohlstand und die Qualität ihres Alltages zum Bezugspunkt nimmt, und versuchen, es in Alltagspraxis umzusetzen.In Hinblick darauf lassen sich eine Reihe allgemeiner Handlungsfelder politischer Institutionalisierungsstrategien beschreiben. Zu den Anforderungen an kommunale Zeitplanung gehören Bestandteile wie die möglichst weitgehende Sicherung individueller Zeitgestaltung. Unter einer sozialen Perspektive kommt der Sicherung gemeinsamer Zeiten von Familien und beliebigen anderen sozialen Gruppen eine herausragende Bedeutung zu. Die konkreten Handlungsfelder kommunaler Behörden sind damit zwar äußerst breit gefächert, können aber folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Änderung der Schalterstunden der Ämter (Ausweitung, Vereinheitlichung oder Verschiebung der Nutzungsfenster).
  • Flexiblere und individuellere Gestaltung des Zeitangebotes personenbezogener öffentlicher Dienstleistungen (z.B. Seniorendienste oder Kinderhorte).
  • Anpassung der Öffnungszeiten privater Dienstleistungen an Kundenwünsche und gesamtstädtische Erfordernisse (Ladenöffnungszeiten, Friseure, Gaststätten).
  • Die Integration von räumlicher und zeitlicher Planung: Die räumliche Zugänglichkeit, die Nutzbarkeit der Stadt für ihre Bewohner hängt auch von der zeitlichen Organisation ab. Eine belebtere Stadt ist zudem sicherer und (gast)freundlicher.
  • Die Verkürzung von Wartezeiten, die Vermeidung von unnützen Behördengängen durch die Vernetzung von Behörden, durch die Vereinfachung und Zusammenlegung von Verfahren, durch die räumliche Nähe der Dienste zum Bürger.

Im positiven Sinne wird Freizeit gefördert, wo der individuelle und kollektive Zeitgebrauch einen selbst gewählten Eigenwert aufweist. Dabei könnten auch Modelle wie das in Italien praktizierte „Apothekenprinzip“ zu fairen Kompromissen zwischen den konfligierenden Interessen führen. Apothekenprinzip bedeutet, dass in einem Stadtteil die Anbieter gleicher Waren vereinbaren, umschichtig eine bestimmte Spätöffnungszeit zu übernehmen, zu der die anderen Anbieter schon geschlossen haben. Dieses Prinzip macht die Güter den Kunden zu den späteren Zeiten zugänglich, ohne dass dadurch ein unkalkulierbarer Wettbewerb unter den Anbietern um eine geringer werdende Kundenzahl entbrennt. Gefragt ist eine Kultur der Kooperation und Umgestaltung. Profitieren von einem solchen Prozess würde vor allem die Lebensqualität der Bürger des örtlichen Gemeinwesens.

Politische Planung ist angesichts der steigenden Notwendigkeit von Eingriffen in die Zeitgestaltung der Menschen unvermeidlich. Für die Politik bedeutet dies, dass zwei Handlungsmöglichkeiten bestehen: Entweder werden die existierenden, ökonomisch aufgeladenen Zeitverhältnisse hingenommen und überlegt, wie deren destruktive Folgen sozialstaatlich integriert werden können (Politik als Reparaturbetrieb), oder es wird versucht, den Umgang mit Zeit den gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen anzupassen (Politik als Gestaltungsaufgabe). Dazu gehört eben viel mehr als die einfach Frage: Wie viele verkaufsoffene Sonntage gibt es dieses Jahr?

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Autor: Thomas Kirschlager Google+

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